BIER BRAUCHT HEIMAT – Nach 100 Jahren lebt die Braukunst in Tangermünde wieder auf

10. Dezember 2020

SCHULZENS BRAUEREI – TANGERMÜNDE

Rund eine Stunde von Magdeburg entfernt, liegt in der grünen ländlichen Altmark die bezaubernde Kleinstadt Tangermünde. Direkt in der historischen Innenstadt steht ein rot geklinkerter Brauereihof. Christian und sein Vater Armin haben nach Jahren aufwendiger Sanierung das Anwesen zu neuem Leben erweckt. Großbauern hatten ihn lange als Gehöft genutzt. Vorn an der Straße war mal der Kuhstall, daneben Mägde- und Gesindewohnungen. Das ehemalige Brauereigebäude auf dem Hof war seit 1917 ungenutzt und verfiel. Genau 100 Jahre später hat die Familie Schulz hier wieder angefangen, nach traditionellem Handwerk Bier zu brauen.

„Unser Bier ist nach altem Handwerk gebraut, frisch und vollmundig…“

Mit der alten Scheune nahm alles seinen Lauf
Der Vater von Christian sammelte leidenschaftlich kuriose alte Dinge und betrieb mit diesem Sammelsurium ein kleines Privatmuseum. Der Speicher war schon komplett gefüllt und er brauchte dringend neuen Platz. „Wie die Jungfrau zum Kinde, sind wir dann an diese Brauerei gekommen“, sagte Christian. Der Vater schaute sich ein paar Grundstücke in Tangermünde an und unter anderem eben auch einen Teil dieser alten Scheune, mit einer Menge Bauschutt. Die Entscheidung war schnell getroffen. In einer wochenlangen Aufräumaktion wurde die Scheune vom Dreck befreit, wurden Tore eingebaut und ein Teil der Nostalgie-Sammlung konnte von Gladigau nach Tangermünde verlegt werden. Der damalige Eigentümer war davon sehr beeindruckt und bot der Familie an, doch auch gleich das auf dem Hof ansässige Hotel mit Restaurant zu betreiben. Ungeachtet ihrer mangelnden Erfahrung in dem Bereich nahmen Sie das Angebot an. 2010 haben Vater und Sohn das ganze Objekt gekauft und ab 2011 angefangen, es zu sanieren.

Wann kam dann der Gedanke, eine Brauerei zu eröffnen?
Die anfängliche Idee, die alte Brauerei wiederzubeleben, kam vom Vater. Er schwärmte sehr von dem alten Anwesen und vom imposanten Keller. Obwohl er unsaniert war, wirkte er damals schon durch die großen Säulen und das beeindruckende Gewölbe, das von 1850 stammt. „Das nostalgische Bild war da: Eine alte Brauerei, Kupferkessel und am Ende kommt Bier raus.“ Über die Jahre haben sie sich immer wieder mit dem Thema beschäftigt. „Es braucht eine gewisse Größenordnung, das alles wirtschaftlich, vernünftig und nachhaltig zu betreiben“, meint er. Woraus die Motivation entstand? Sein Bauchgefühl war es, was den Vater antrieb, etwas Richtiges daraus zu machen. Auch wenn es viele harte, stressige und auch tragische Momente gab, das Projekt wurde in „letzter Sekunde“ über Crowdfunding von Stammgästen, Bekannten & Freunden gerettet und finanziert.

„Aus heutiger Sicht haben wir alles richtig gemacht. Es war gut, dass wir die Brauerei so gebaut haben.“

Nach der Sanierung haben wir uns dann doch anders entschieden
„Bis 2014 wollten wir in dem ehemaligen Braugebäude die Brauanlage integrieren. Die ganzen Vorkehrungen technischer Art sind erfolgt, aber als der Saal dann fertig war, haben wir uns anders entschieden. Der frisch sanierte Raum war dann doch nicht groß genug für die Anlage, die wir brauchen. „Es war schon ein kleines Unterfangen, eine weitere und vorher nicht geplante Gebäudesanierung umzusetzen, um das größer angelegte Brauerei-Bauvorhaben zu verwirklichen.“ Eine Brauanlage ist immer maßgeschneidert und hochkomplex. Schon während der Bauphase hat sich Christian jeden Tag mit Edelstahlrohren und Bögen beschäftigt, damit, wie die Schweißnaht innen und außen ist und all solchen Sachen, und er hat viel gelernt.

Mit Beratung und Hilfe von Ingenieuren wurde die Anlage dann in der anliegenden ausgebauten Scheune aufgestellt. „Aus heutiger Sicht haben wir alles richtig gemacht. Es war gut, dass wir die Brauerei so gebaut haben. Es entwickelt sich. Aber auch, dass der neue Bankettsaal so geblieben ist und wir ihn für Hochzeiten und Veranstaltungen nutzen können, war eine gute Entscheidung!“, so Christian. Heute ist die Brauereianlage schon fast eine touristische Anlaufstelle und wird von vielen mit einem Stadtbesuch verbunden. Brauereibesichtigung, Verkostung und auch Unterkünfte.

KONTAKT
Schulzens Brauerei
Christian und Armin Schulz GbR
Lange Straße 34 (Am Eulenturm)
39590 Tangermünde

Tel.: 039322 44145

anfrage@schulzens.info
www.schulzens.info

Unser Bier ist nach altem Handwerk gebraut, frisch und vollmundig
Angefangen haben Schulzens mit einem „Hellen“, also nicht hopfenbitter. Danach kreierten sie ein einzigartiges Bier, das von der Farbe, also schon vom ersten optischen Eindruck her, ein Alleinstellungsmerkmal hat: Es sollte sich der Backsteinarchitektur der Brauerei anpassen, und so entstand das „Ziegelrot“. Das „Porter“ als Schwarzbier ist sehr kräftig und gehaltvoll, ist röstfein aromatisch und schmeckt wie kalter Kaffee. Aber das wichtigste bei dem Porter ist, dass es auch die Grundlage für das bekannte und dort erhältliche Treberbrot ist. Einen Biersenf wird es dann zum Ende des Jahres geben.

Es werden also 3 Standardsorten gebraut. Hell, Ziegelrot und Porter und dazu eine jeweilige Saisonsorte. Mittlerweile haben sie einen großen Kundenkreis, der nicht nur ihre Fassbiere zu schätzen weiß, sondern auch die in traditionellen Bügelflaschen abgefüllten Sorten. Bier braucht auch immer Architektur, sagt man, oder Bier braucht Heimat. Und von hier aus verkauft sich das Tangermünder Brauhandwerk in die ganze Welt.

Die ersten Biere wurden für sie noch in Auftragsproduktion nach eigener Rezeptur von einer regionalen Brauerei produziert. Die Anlage musste noch eine gewisse Zeit eingefahren werden. Wir erfahren auch, dass dass trotz gleicher Rezeptur auf jeder Anlage individuelle Geschmacksnuancen wahrnehmbar sind.

„Die Bierrezeptur ist also wichtig. Wasser, Zutaten und die Anlage geben den Geschmack. Auch offene und geschlossene Gärung machen die Geschmacksunterschiede. Letztlich entscheidet aber der Gaumen des Kunden. Unser Ziegelrot ist malzaromatisch. Wichtig ist, dass das Frischbier auf jeden Fall bis max. 7 Grad kalt gestellt werden muss, sonst wird es sauer. Denn wir arbeiten mit lebender Hefe. Unsere Biere sind nicht pasteurisiert und filtriert.“ Das bringt die Vollmundigkeit. Gebraut nach altem Handwerk! Der Unterschied zu Industriebier: Diese werden für den Handel haltbar produziert und müssen nicht gekühlt werden.
Heute ist Schulzens Brauerei selbst erfolgreicher Auftragsproduzent für andere Unternehmen, die ihre Biersorten nach eigenen Rezepturen bei ihnen herstellen lassen.

Endlich noch mehr Regionalität im Glas
Auch das ist Christian sehr wichtig. Er möchte gern noch regionaler produzieren. Braugerste wird für ihn erstmals von einem befreundeten Bauern aus der Region angebaut. Und die Fans schwören drauf: Endlich noch mehr Regionalität im Glas! So lässt er nun altmärkische Braugerste in der Rhön-Malz GmbH zu Malz verarbeiten. „Und dann gibt es eine neue regionale Biersorte: Das Altmarkgold – ein leichtes Pils nach böhmischer Brauart“, sagt er stolz.

Bier braucht eben Heimat!

ANJA

„Zur Brauerei gehört auch ein gemütlicher Garten mit einem weiten Blick auf die Elbe. Ein kleiner Tipp ist auch der Bankettsaal. Dieser wird sehr gern für Hochzeiten genutzt.“

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