DIE FANTASTISCHEN SECHS

11. November 2021
Ein Artikel von: Anja Uebe

Q.HOF – MAGDEBURG

Heute führen wir euch an einen sehr kreativen Ort. Wir begeben uns in den Magdeburger Stadtteil Buckau. In Nachbarschaft zur Elbe gelegen, ist er bekannt für viele gründerzeitliche Industrieanlagen – manche saniert und zu neuem Leben erweckt, einige noch brachliegend und scheinbar im Dornröschenschlaf vor sich hin schlummernd.

In einer kleinen Nebenstraße betrete ich zusammen mit Micha, unserem Fotografen, und Torsten, der seine Filmkamera dabei hat, das „Werk 4“, ehemaliges Werksgelände des VEB Sauerstoff- und Acetylenwerk Magdeburg und jetzt ein Ort für experimentelle Kunst, Handwerk, Sport und Kultur. Unser Ziel ist der Q.Hof – eine Ateliergemeinschaft und Bühne 6 kreativer Menschen und Beispiel dafür, wie man einer alten Industriebrache wieder Leben einhauchen kann.

„Den Kunstschaffenden im Q.Hof ist es wichtig, seinen Besuchern auf Augenhöhe zu begegnen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen…“

Wir werden empfangen vom freischaffenden Künstler Christoph Ackermann – dem Inhaber des Ateliers „In die Fluten“ – und folgen ihm durch die Eingangstür, über der ein großes weißes „Q“ prangt. Im Interview erfahren wir, warum der Q.Hof „Q.Hof“ heißt und dass man diese alten hohen Industriegebäude im Winter durchaus warm bekommt, wir entdecken tolle Kunstwerke und sind am Ende kreativ geflasht – insbesondere Micha, der sehr von Christophs Arbeitstisch angetan ist und nun einen selbigen für sich plant.

Christoph ist Gründungsmitglied und einer der Organisatoren innerhalb der Ateliergemeinschaft. „Vor Jahren habe ich auf dem damals noch verlassenen Gelände ein Graffiti gesprüht. Einige Zeit danach erfuhr ich, dass die Besitzerin Uta Linde dort 5 Ateliers ausgeschrieben hatte, für die man sich bewerben konnte. Das Konzept sollte es Kunstschaffenden ermöglichen, einen Ort zum Arbeiten zu finden, aber auch miteinander ins Gespräch zu kommen und sich dadurch gegenseitig zu neuen Ideen und Werken anzuregen. Ich habe mich beworben und wünschte mir explizit den Bereich mit der von mir besprühten Wand.“ Seit 2016 entstanden in zwei Jahren Bauzeit 5 Ateliers, die jeder Künstler für sich individuell eingerichtet hat. Allen gemein ist, dass sie nach oben hin offen sind. Ein langer Flur davor dient den Künstlern als Galerie, um in wechselnden Ausstellungen ihre Werke zu präsentieren. In einem kleinen Innenhof mitsamt „Q.Bar“ trifft man sich zum Schnacken und Feiern. Der Charme der alten Industriehallen ist auch nach dem Ausbau erhalten geblieben. Besonders imposant sind die riesigen Fenster, die viel Tageslicht hereinlassen, und die lichte Deckenhöhe. Nach zwei Wintern ohne Heizung geniessen alle die große Gasheizungsanlage, die nun über den Ateliers schwebt und für Wohlfühltemperatur sorgt.

Wie kam der Q.Hof denn nun zu seinem Namen? „Das Q ist eine Abkürzung und steht für Kunst und Handwerkerhof“, erzählt uns Christoph. „Nachdem die erste Crew komplett war, ging es darum, diesem Ort einen passenden Namen zu geben. Kunst- und Handwerkerhof ist sehr lang und hört sich etwas umständlich an. „Das Q als Abkürzung klang gut für uns und versinnbildlicht das Wort „Kunst“. Seitdem prangt es über unserer Eingangstür.“

„Nachdem die erste Crew komplett war, ging es darum, diesem Ort einen passenden Namen zu geben. Kunst- und Handwerker Hof ist sehr lang und hört sich etwas umständlich an. „Das „Q“ als Abkürzung klang gut für uns und verinnerlicht das Wort „Kunst“. Seitdem prangt es über unserer Eingangstür.”

Die Ateliers werden von Kunstschaffenden verschiedener Richtungen genutzt. Zu den Mietern der ersten Stunde, und auch heute noch mit dabei, gehören – neben Christoph – Sari Pietro, Frank Borisch und Oliver Mössner. Es ist eine Welt, in die es Spaß macht einzutauchen.

Sari besitzt das kleinste der Ateliers. Sie liebt das Malen mit Ölfarbe, weil sie mit ihr am besten darstellen kann, dass es immer Entwicklungen mit Höhen und Tiefen im Leben gibt. Ihre Gemälde sind farbgewaltig, und ich habe das Gefühl, in ihnen zu versinken.

Die Holzmanufaktur von Oliver Mössner ist nicht nur Tischlerei, sondern auch Designbüro. Auf der Suche nach einem Geschenk kam er auf die Idee, eine Handtasche aus Holz zu kreieren. Aus seinen Händen entstehen aber auch Möbelstücke, Schmuck und Raumobjekte. Und außerdem riecht es hier gut nach Holz. Maler Frank Borisch, diplomierter Bühnen- und Kostümbildner, lebt seit 1968 in Magdeburg und hat mit seinen Werken zahlreiche nationale und internationale Ausstellungen bereichert. In seiner Welt taucht ihr in fantastische Stillleben ein und werdet gefesselt von meditativen Landschaftsmalereien.

Perücken, Masken und Schminkarbeiten sind das Metier von Luise Schächer. Die Diplom-Maskenbildnerin findet im Q.Hof Platz für eigene Entwürfe und Auftragsarbeiten, und auch das Theater Magdeburg profitiert von ihrem Können.

Gina Maria Mund mit „Mundpropaganda“ ist die Sechste im Bunde. Ihre Agentur ist Kreativschmiede und Denklabor für perfekte Social-Media-Konzepte für kleine und mittlere Unternehmen. Mit Herz und Seele unterstützt sie das Musikkombinat Magdeburg e. V. und plant und organisiert zusammen mit anderen Kulturschaffenden Wohnzimmerkonzerte oder das Event Glacis open Air.

Der Q.Hof möchte Kunst in das Leben der Menschen bringen. Neben zahlreichen Ausstellungen und Aktionen öffnen sich die Türen des Hofes jährlich zur Veranstaltung „Offene Ateliers in Sachsen-Anhalt“ vom Berufsverband Bildender Künstler. Wer möchte, kann durch die Ateliers schlendern, mit den Künstlern ins Gespräch kommen – oder dabei zusehen, wie etwas entsteht. Den Kunstschaffenden im Q.Hof ist es wichtig, ihren Besuchern auf Augenhöhe zu begegnen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, unabhängig davon, ob jemand Kunsterfahrung hat oder nicht. Dem Aufruf „Baut doch mal ein Q!“ während der Pandemie 2020 folgten deshalb zahlreiche Menschen und bauten, malten und fotografierten Qs in allen Lebenslagen – neben Klopapierrolle, Keksmonster und Qs aus Linsen und Bohnen, entstanden auch viele fantasievoll verzierte, gezeichnete Q-Variationen. „50 – 60 Werke haben wir per Post oder email erhalten. Daraus haben wir eine Ausstellung gemacht.“

Die Graffiti-Kunst ist auch nach fast 30 Jahren eine von Christophs Leidenschaften. Ich frage ihn, wann er denn gemerkt hat, dass das Kreative seine Bestimmung ist. Er zeigt auf eine Zeichnung an der Wand. „Christoph wirft einen Ball. Da war ich 4. Da ging es los. In meiner Jugend, Anfang der 1990er Jahre, haben wir uns unter den Elbbrücken getroffen mit ‘ner Ghettotonne und Hip Hop gehört und gesprüht. 2004 habe ich mein Designstudium abgeschlossen und bin seitdem freischaffender Künstler, widme mich vorwiegend der Malerei, Ausstellungen, Grafik, Fotografie und gebe Workshops in diesen Bereichen.“ Um Kindern Kunst nahezubringen, kommen z. B. engagierte Sozialarbeiter gern auf ihn zu und gewinnen ihn für Kreativworkshops in Schulen oder für das Jugendamt. Sein letztes öffentliches Projekt ist eine freie Auftragsarbeit im Norden Magdeburgs, direkt am Märchenspringbrunnen am Neustädter Platz. Ein 60qm Wandbild als Hommage an die zwei Magdeburger Künstler Wolfgang und Annedore Policek, welche diesen Brunnen 1982 entworfen haben.

Die Wände im Q.Hof sind in ständiger Veränderung. Die besprühte Wand in Christophs Atelier zieren mittlerweile Sammlungen von Grafiken und Fotografien. Wenn ihr die nächste Vernissage – oder ein Wohnzimmerkonzert vielleicht – nicht verpassen wollt, schaut auf der Webseite qhof-ateliers.de oder folgt den Künstlern auf Instagram oder Facebook. Auf der Homepage findet ihr übrigens auch die Q-Klopapierrolle und das Keksmonster und alle anderen eingesendeten Werke zum „Q“.

ANJA

„Ich sage euch, Kunstwerke zu betrachten oder zu „hören“ macht glücklich. Und das werdet ihr nach einem Besuch im Q-Hof sein, und auch beseelt und inspiriert und mit neuen Gedanken und Ideen im Kopf – siehe Micha, der jetzt einen Tisch bauen wird – oder aber um ein Kunstwerk reicher; für euch selbst oder einem anderen lieben Menschen“

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