WENN DIE HEIMAT KULINARISCH AUFHOLT

14. Oktober 2021

Ein Artikel von: MARIA ANNA SCHWARZBERG

heimart – SALZWEDEL

Dass ich in Salzwedel (außer bei Mama und Oma natürlich) so gutes Essen bekommen würde, hatte ich nicht erwartet. Die Küche im heimart ist nicht wie ihre Region altmärkisch, und das will sie auch gar nicht sein. Matthias Kutschke und Lars Wolfram, die beiden Gründer, wollen den Altmärkern nicht das neu aufzeigen, was sie eh besser können. Sie wollten ein Wohlfühlrestaurant mit Qualitätsanspruch, auf den Punkt, saisonal, mit dem gewissen Etwas, neu aufgelegt, aber nicht trendig vergänglich. Ob sie das geschafft haben? Habe ich für euch mit meiner Mama getestet.

Die Mischung besteht aus der Kunst des Essens und dass man sich dabei wohlfühlen darf….

Matthias und Lars kamen mit ihrer Idee von einem eigenen Restaurant in die Altmark, weil sie hier die Möglichkeit sahen, ohne zu großen finanziellen Aufwand ihre Idee von der Selbstständigkeit umzusetzen. Matthias wohnt in Lüneburg, Lars in Uelzen. „Weil es mir hier einfach noch nicht genug lebt“, gibt er zu, und ich stimme ein. Die Altmark, gerade die westliche Altmark, deren Kreisstadt Salzwedel ist, ist eine strukturschwache Region, wie fast ganz Sachsen- Anhalt. Aber hier sieht es den Zahlen nach besonders übel aus: Von 401 Kreisen in ganz Deutschland belegt der Altmarkkreis Salzwedel den letzten Platz unter den strukturschwachen und damit einkommens- und kaufkraftarmen Regionen. Das hat sogar mich überrascht.

„Aber die Salzwedeler sollten sich nicht unter diesen Scheffel stellen lassen!“, sagt Lars und fährt fort: „Salzwedel ist eine wunderschöne Fachwerkstadt, ringsum und zwischendrin so viel Grün. Es hat alles Vor- und Nachteile, aber ich finde, die Salzwedeler dürfen ruhig stolzer auf ihre Region sein.“ Lars‘ Mutter wohnt hier in Salzwedel und stellte den Kontakt zum Kunsthaus her, wo das heimart mitten in der Stadt sein Zuhause gefunden hat. Zuvor haben Matthias und Lars noch in Hannover zusammen gearbeitet und hatten das Privileg, ihre Ideen und Konzepte in einem etablierten Haus testen zu können. Mit dem heimart in Salzwedel waren sie verständlicherweise voller Tatendrang – und mussten erst einmal mit der Sturheit der Altmärker umgehen lernen.

„Die ersten Monate waren hart. Die Vorurteile uns gegenüber, die hier herkommen und einfach so ein Restaurant eröffnen wollen, waren groß“, erzählt Lars, und ich als gebürtige Salzwedelerin weiß, was er meint. Auch meine Mutter sagt gern: „Die Altmärker sind ein stures Volk.“ Ich würde sagen: „Was der Bauer nicht kennt, fret er auch nicht.“ Als westlich und nördlich begrenzte DDR-Region waren es die Altmärker bis 1989 gewohnt, unter sich zu sein. Neues und Vielfältiges sind hier erst einmal suspekt und werden mit Argwohn betrachtet. „Aber als dann jede/r erst einmal im heimart war und seinen FreundInnen und Verwandten erzählt hatte, wie toll es bei uns ist, waren alle sehr loyal. Gerade in der Pandemie mit unseren Menü-Boxen für Zuhause“, sagt Lars. „Wir wissen auch, dass sich nicht jede/r unsere Küche wöchentlich leisten kann, aber zumindest einmal im Jahr ist das heimart drin. Und wir haben zum Beispiel Burger und andere Besonderheiten, die erschwinglicher sind.“

KONTAKT

heimart
Neuperverstraße 18
29410 Salzwedel

Telefon: 03901 307 32 70

www.heimart-saw.de
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ÖFFNUNGSZEITEN

Montag und Dienstag geschlossen
Mittwoch bis Freitag 17 – 21:30 Uhr
Samstag 12 – 15 Uhr & 17 – 22 Uhr
Sonntag 12 – 15 Uhr & 17 – 21 Uhr

Beide sind froh, den Mut gehabt und die günstigen Faktoren für sich genutzt zu haben. Die Konkurrenz an Restaurants mit so guter Küche ist in Salzwedel rar, Räumlichkeiten sind bezahlbar. „Hier war noch Platz für unsere Ideen“, sagt Matthias. „Obwohl man das heimart auch einfach nach Hannover, Berlin oder sonstwo versetzen könnte, die Mischung kommt einfach gut an und funktioniert.“ Die Mischung, wie Lars sie nennt, besteht aus der Kunst des Essens und dass man sich dabei wohlfühlen darf ohne überlegen zu müssen, wie der Dresscode oder die Messerreihenfolge ist.

Als ich mit meiner Mutter eintrete, haben wir uns beide trotzdem schön gemacht. Mehr als ein Jahr Pandemie liegen hinter uns, und wir zelebrieren dieses Ausgehen mit Genuss und Euphorie. Auch das heimart hat sich nochmal rausgeputzt. In der Pandemie wurde neu gestrichen und umgeräumt. Die Räume im Kunstaus sind hoch, durch die alten, großen Fenster hell und einladend. Das Interieur ist schlicht, aber stilvoll, nichts drängt sich auf. Nur das blaue Barlicht, aber das ist Geschmacksache. Freundlich werden wir begrüßt und an unseren Tisch auf der Terrasse gebracht. Die schließt sich dem Restaurant an und ist mein spontaner Lieblingsort im heimart. Nach Westen ausgerichtet, dinieren wir zum Sonnenuntergang unter den Linden und können noch ein Stück der malerischen Altstadt erahnen.

Die beiden uns zugeteilten KellnerInnen sind freundlich, nicht aufdringlich und beweisen selbst gegenüber der Schlagfertigkeit meiner Mutter Humor. Das gefällt mir. Wir haben wenig Lust selbst zu entscheiden und wählen das Menü für 35 Euro pro Person. Inkludiert sind Vorspeise, Hauptgang und Dessert. Hier als Aperitif einen Aperol zu bestellen, erscheint uns dem Ort nicht würdig. „Was empfehlen Sie?“ Wird unsere Standardfrage des Abends, mit der wir alles richtig machen werden. Zwei Lillet mit Beeren stehen kurze Zeit später vor uns, dazu Wasser. Nicht zu süß, aber süßlich. Als Vorspeise wird uns ein asiatisch angehauchtes Hühnchenbällchen auf Gurkensalat mit Wasabi-Frischkäse gereicht. Würzig, intensiv und sommerlich schmeckt es.

Beim Hauptgang wechseln wir schon zur passenden Wortwahl: „Einfach nur geil.“ Lamm mit Kidney-Bohnen, Pfifferlingen und Kartoffelbällchen werden mit einem fruchtig-schweren Tempranillo gereicht und machen mich sehr glücklich. Tempranillo haben schon meine Großeltern gern getrunken und mir (als Volljährige!) schmackhaft gemacht. Die Stimme meiner Mutter wird lauter vor Begeisterung, sie ist gut im Sichfreuen. Das Lamm ist auf den Punkt, die Pfifferlinge sind die ersten des Jahres. Fleischig und saftig harmonieren sie mit den krossen Kartoffelbällchen.

Beim Dessert erwartet uns eine geeiste Rhabarbersuppe mit Schokoladenparfait und Holunder. Sie ist ein sehr guter Abschluss. Mild und fruchtig, baut sich die Intensität der Würze in diesem Menü langsam ab und lässt uns gut gesättigt, aber nicht überfüllt einen „Absacker“ ordern, wie meine Mutter sagen würde. Nicht auf der Karte, aber zu diesem Abend passend, reicht uns der Barkeeper Gin mit Limettensaft, Ingwersirup und Rosmarin. Er freut sich, dass er zu später und weniger ausgebuchter Stunde dazu kommt, selbst hinter der Bar zustehen.

Es stimmt, die Tische um uns herum haben sich mit der nahenden Dunkelheit geleert. Mit Sommergänsehaut zahlen auch wir. Einhundert Euro für zwei Personen, drei Gänge, Wasser, Aperitif, Wein und „Absacker“ – fair für dieses kulinarische Erlebnis. Als wir das heimart verlassen, das übrigens wegen der Örtlichkeit des Kunsthauses und der ganz eigenen Kunst, nämlich der des Essens, so heißt, sagt meine Mutter: „Hier muss ich nächstes Mal mit meiner Freundin hin!“ und ich muss schmunzeln. Die Altmärker, ein stures, aber loyales Volk.

Fotograf: Michael Palatini

MARIA ANNA

„Dieser kulinarische Ausflug lohnt sich nicht nur für Altmärker!“

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