BEWAHRERIN EINES ALTEN HANDWERKS – ANNELIESE LAUF, HANDWEBERIN IN MAGDEBURG

24. Juni 2021
Ein Artikel von: Anja Uebe

HANDWEBERIN – ANNELIESE LAUF – MAGDEBURG

Anneliese Lauf ist angekommen. Im schönen Stadtfelder Kiez in Magdeburg, umgeben von Gründerzeithäusern und da, wo viele andere Kreative sind, hat sie ihre Werkstatt für Handweberei & Textilgestaltung eröffnet. Den Weg zur Handweberin fand sie, da war sie schon Mutter dreier Kinder und gestandene Frau im IT-Bereich eines Magdeburger Unternehmens.

Warum ihr mittlerer Sohn dafür verantwortlich war, dass sie sich in das alte Handwerk des Webens verliebte, über die Freude am Vernetzen mit Gleichgesinnten, was aus einem innig geliebten, aber in die Jahre gekommenen T-Shirt werden kann und was das alles mit Mathematik zu tun hat – erfahrt ihr in unserem Interview.

„…es fasziniert die Leute, mir beim Weben zuzusehen. Ich möchte die Dinge sichtbar machen und die Zusammenhänge, zeigen wie etwas entsteht.“

Ein Familienausflug kann mitunter einige Überraschungen bereithalten. So auch dieser. Er führte die ganze Familie zur „Kulturellen Landpartie“ ins Wendland. Einzelne Höfe und Werkstätten öffnen dort einmal jährlich ihre Türen und laden Besucher ein, Handwerk, Kultur und Kulinarisches kennenzulernen. Im Werkhof Kukate – wo man unter dem Kastanienbaum leckeren Kuchen bekommt und es schon mal passieren kann, dass die dort lebenden glücklichen Hühner den Kuchen vom Teller klauen – widmet man sich der Weberei. An Webstühlen konnte man sich ausprobieren und auch kleine Musterstücke weben. Annelieses Jungs waren sofort begeistert und probierten. Der Mittlere, damals 8, wünschte sich nun einen eigenen Webstuhl für zu Hause. Das ging natürlich nicht – dafür gab es einen Webrahmen. Das Ergebnis war, dass auch Anneliese großen Gefallen an diesem fand und letztendlich mehr Zeit damit verbrachte als ihr Sohnemann. „Wenn mich etwas fasziniert, dann will ich es auch wissen!“ Nach einem einwöchigen Webkurs war es um sie geschehen. Sie wollte mehr!

„Ich wollte das Handwerk systematisch von der Pike auf lernen.“ Es folgten 4 Jahre nebenberufliche Ausbildung, Lernen an den Wochenenden und jeweils zweimal jährlich Praxisunterricht bei den Meistern im Werkhof Kukate.

2017 legte sie ihre Gesellenprüfung ab. Ende 2019 folgte dann der endgültige Abschied aus der IT-Branche – ihre Kollegen überraschten sie zum Abschied mit dem Bild einer Künstlerin, in das sie sich verliebt hatte. Dieses schmückt jetzt als liebes Erinnerungsstück die Werkstatt.

Das Weben an sich ist nicht der einzige Aspekt, der Anneliese an ihrem Beruf begeistert. Durch das große Schaufenster luchsen immer wieder Neugierige in die Werkstatt. „Manchmal ist es schon komisch, wenn ich beim Arbeiten beobachtet werde. Aber es fasziniert die Leute, mir beim Weben zuzusehen. Ich möchte die Dinge sichtbar machen und die Zusammenhänge, zeigen wie etwas entsteht.“ Da es beim Weben auch auf äußerste Konzentration ankommt, ist die Werkstatt auch nur zu bestimmten Zeiten geöffnet. Anneliese beantwortet dann mit Begeisterung alle Fragen ihrer Besucher zum Weberhandwerk. Zu jedem Faden kann sie eine Geschichte erzählen. Die meistgestellte Frage „Und wie lange braucht man dafür?“ kam lustigerweise auch als eine der ersten aus meinem Munde. Es ist ihr wichtig, die Vielfalt und Komplexität dieses Handwerks erkennbar zu machen und was alles an Planung, Vorbereitung und Berechnung dazugehört, bevor man überhaupt mit dem Weben anfangen kann.

“Regionalität und kurze Wege, aber auch der „freundliche“ und natürliche Umgang mit den Tieren sind mir wichtig…”

In der Auslage liegen kuschelige bunte Wolldecken, feine Leinentischtücher zieren die Wände. Dicke Garnrollen spiegeln die Farbvielfalt wider, die Anneliese zu wunderschönen Unikaten verwebt. Auf dem Tisch liegt ein Läufer im blauen Ikat-Muster – einem komplexen Farbverlauf mit langer Tradition. Bevor man ein solches oder anderes Muster weben möchte, kommt ein bisschen Köpfchen ins Spiel. Da ist es von Vorteil, wenn man in Mathe aufgepasst hat. „Der Garnbedarf für Kette und Schuss muss berechnet und das Garn abgemessen werden. Zu jedem Stück, das in der Werkstatt entsteht, gibt es säuberlich abgeheftete Zeichnungen, Farbmuster und Webproben.

Neben eigenen Entwürfen verlassen Annelieses Werkstatt auch viele Auftragsarbeiten. Bestellt werden zum Beispiel Bettwäsche, Kissen oder Decken – „Meine Kunden haben entweder genaue Vorstellungen und finden nichts Passendes in den Geschäften, oder das, was sie dort sehen, gefällt ihnen nicht. Sie kommen dann zu mir und ich berate sie zur Auswahl des Garns oder über mögliche Farbkombinationen – passend zu ihren Wünschen und Vorstellungen.“

Der Wunsch nach Nachhaltigkeit, langer Haltbarkeit und die Idee, die Decke oder Wäsche an die nächste Generation weiterzuvererben, ist für viele ein guter Grund, Anneliese aufzusuchen.

Bei umfangreichen Aufträgen werden nach der Beratung Musterstücke angefertigt – damit die Kunden am Ende auch eine optische Vorstellung von Mustern und Farben, also auch von der Textur des Webstückes haben.

„Eine Kundin brachte mir das Lieblingsshirt ihres Sohnes. Es sollte eine Überraschung zum Geburtstag werden. Ich habe es in einem Teppich verwebt.“ Anneliese zeigt mir stolz das Endergebnis. „Hier sieht man noch einzelne Teile des Shirts. So wird es zu einem bleibenden Erinnerungsstück“.

KONTAKT

Anneliese Lauf
Textilgestaltung Handweberei
Gerhard-Hauptmann-Straße 15
39108 Magdeburg

Telefon 0 176 62 18 13 34

Instagram
www.weberliese.de
anneliese.lauf@weberliese.de

Ein Traum von Anneliese ist die Vernetzung mit anderen textilen Gleichgesinnten. Für verschiedene Projekte arbeitet sie mit der Pflanzenfarbenmanufaktur von Barbara Zippel zusammen, die für sie Garne in gewünschten Nuancen einfärbt. Dicke Wollknäuel von glücklichen Schafen, die am Elbdeich grasen, kommen von der Manufaktur „elbwolle“ aus Lüschow. „Regionalität und kurze Wege, aber auch der „freundliche“ und natürliche Umgang mit den Tieren sind mir wichtig. Ich habe ein norwegisches Unternehmen, von dem ich Schafwolle beziehe. Die Wolle der Schafe ist an das raue nordische Klima angepasst und naturgemäß etwas derber. Diese nehme ich gern, um wärmende Decken zu weben.“

Als gebürtiges Magdeburger Kind liebt Anneliese ihre Heimatstadt. Einer ihrer Lieblingsorte ist die Wallonerkirche in Magdeburgs Altstadt. „Die Akustik im Kirchenschiff ist faszinierend, und man kann schon sagen, dass ich mich geerdet fühle, wenn ich dort etwas Zeit verbringen kann. Mein Sohn hat dort mal seine Trompete ausgepackt – der Klang ist einfach einmalig.“ Naturverbunden wie sie ist, liebt sie das Radeln entlang der Elbe und freut sich, wenn das Rotkehlchen im heimischen Garten wieder im Baum sitzt und singt.

Und wie lange dauert das nun? Das Einrichten eines Webstuhls ist abhängig davon, ob man einen Teppich mit 200 Fäden oder eine feine Decke mit 2000 Fäden weben möchte. Jeder Faden muss einzeln durch Litze und Blatt gezogen werden. Für den Teppich braucht´s etwa 3 Stunden, für die feine Decke können es schon 3 Tage werden… Das Weben dauert dann nicht mehr so lang.

ANJA

„Wenn ihr Anneliese in der Werkstatt besucht, rate ich Euch, nicht nur mit den Augen zu schauen, sondern auch mit den Händen – die gewebten Stücke sind einfach sinnlich…“

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