VON RÄDERN, TEAMWORK UND CREAMY CEVICHE – WELTRAD in Schönebeck

3. Februar 2022
Ein Artikel von: Franziska Dusch

WELTRAD manufactur – SCHÖNEBECK

Nach einigem Hin und Her – es war gar nicht so leicht, einen Termin zu finden, an dem die vielen Beteiligten Zeit haben – ist es nun endlich so weit: Fotograf Micha und ich sind in Schönebeck, im Cokturhof bei der WELTRAD manufactur. Wunderschön an der Elbe gelegen, reihen sich die Gebäude des Weltrad-Imperiums auf: Restaurant, Unterkünfte und die Fahrradmanufactur – eine Spielwiese für Menschen mit Ideen auf 8000 qm.

Als wir das Restaurant betreten, stehen Gründer René Leue und Küchenchef Marc Gürtler auf der großzügig angelegten Terrasse und genießen den Blick auf die Elbauen. Beide wirken etwas müde, und schnell wird berichtet, dass Marc am Vortag Geburtstag gefeiert und der gemeinsame Abend weit in die Nacht gedauert habe.

„Wenn die Gäste sich extrem wohlfühlen, wie im Urlaub, dann ist das mein bestes Lob…”

Die Stimmung ist familiär, einer der beiden Söhne schaut vorbei. Anja Leue, die eigentlich im Hintergrund die Zahlen in der Buchhaltung jongliert, begrüßt uns herzlich, und René erinnert sich für uns, wie alles begann: „Nach der Wende sind viele weggegangen, auch ich habe überlegt, woanders zu arbeiten, aber ich wollte nicht wegrennen, ich wollte zu Hause was machen!“

Und wir machen noch einen Zeitsprung zurück: Mitte der 80er fand Fahrradenthusiast Göran Scherf im Schönebecker Sperrmüll ein altes Weltrad. Er restaurierte es und ließ weitere folgen. Mitte der 90er kreuzten sich die Wege: Anja Leue wünschte sich so ein schickes Vintage-Rad, dabei lernten sich René und Göran kennen und schätzen.

2004 machte René Leue dann ernst und gründete die Weltrad manufactur. Seit 1895 gibt es die Marke, und streng nach historischen Bauplänen wurden dann wieder die schicken Drahtesel produziert. René Leue besuchte zahlreiche Fachmessen, knüpfte unzählige Kontakte, und Göran, der „genetische Urvater der Idee“, schraubte in der Werkstatt an den Fahrrädern. Und der Plan ging auf: Das Design aus den 30er Jahren kombiniert mit moderner Technik kommt gut an! Welträder werden seitdem wieder neu hergestellt und in die ganze Welt verkauft. Auch viele Menschen, die im Osten Deutschlands groß geworden sind, erwerben ein Weltrad. René vermutet, dass sie „ein Stück Wurzeln mitnehmen“ möchten. Die hochwertigen Einzelteile bezieht die Firma aus verschiedenen Ländern, formschöne Ledersattel und die Rohre für Gabel und Rahmen wurden in England entdeckt. Die nostalgische Rundlampe kommt aus einer kleinen Fabrik in Portugal – die zwar gerade angekündigt hat, die Lampenproduktion einzustellen, aber René Leue sieht das gelassen:

„Da ist mir nicht bange, früher hätte ich mit Grübeln angefangen, aber nach einigen Jahren als Unternehmer weiß ich, dass es einen neuen Weg geben wird.“

KONTAKT

Weltrad Manufaktur
Cokturhof
39218 Schönebeck
Tel.: 03928 – 42 90 66

info@weltrad.de
www.weltrad.de
instagram

Von Anfang an beinhaltete die unternehmerische Vision, dass Fahrradtouristen in Schönebeck übernachten und speisen können, mittlerweile gibt es ein Quartier mit 13 Zimmern und ein Restaurant mit renommiertem Koch. Auf dem Restaurant „Endlos“ liegt aktuell auch der unternehmerische Fokus.

Chefkoch Marc Gürtler und René Leue haben sich auf einer Feier kennengelernt, und schnell ist der Funke zwischen den beiden übergesprungen. Hier hatten sich erneut zwei gefunden, die gerne Träume wahr werden lassen.

Marc hat schon weltweit in Küchen gestanden und in Töpfen gerührt. Unter anderem in Frankreich, Italien, Russland, China, Thailand und den USA hat er Inspirationen gesammelt und freut sich nun, dass alles in Schönebeck ausleben zu dürfen.

„Besonders Kalifornien hat es mir angetan, da gibt es die besten Restaurants der Welt, diese kulinarische Vielfalt und die vielen Klimazonen und Anbauflächen, einfach der Hammer“, schwärmt er uns vor.

Die vielen Impulse sind sowohl auf der Speisekarte als auch in der Inneneinrichtung zu erkennen. Auf einer alten Werkbank ist die Spirituosenbar zu finden, Besteck dürfen sich die Gäste selbst aus einem Behälter nehmen, der auf dem Tisch steht. Marc nennt das „extreme Lässigkeit“ und nimmt uns mit in die Küche, um ein „Creamy Ceviche“ zu zaubern. Vor unseren Augen verwandeln sich einzelne Zutaten schnell zu einer wunderbaren Vorspeise, wir hören Marc fasziniert mit nur einem Ohr zu, als er uns das Konzept erklärt. Es geht um verschiedene Säurestufen, eine Kombination aus warmen und kalten Komponenten, die besten Zutaten aus der Heimat und der restlichen Welt und natürlich auch „Leichtigkeit“ – die Vorspeise soll nicht zu sehr sättigen, schließlich beginnt der kulinarische Abend erst. Anschließend verkosten wir das Creamy Ceviche vom gelben japanischen Thunfisch mit Avocadowolke, Rotkohlkimchi und warmen Pimientos und lassen uns sogleich vom Hauch des Kosmopolitischen einlullen.

„Wenn die Gäste sich extrem wohlfühlen, wie im Urlaub, dann ist das mein bestes Lob“, fasst Marc zusammen. „Extrem“ –  da haben wir es schon wieder: Marc macht eindeutig nichts „Halbes“ – außer wenn er ein Rumpsteak auf Wunsch medium zubereitet.

Mittlerweile fährt René Leue kaum noch auf Messen, sondern lässt den geschaffenen Ort für sich selbst sprechen. „Wir nutzen den Elberadweg mit den Fahrradtouristen, die Geschäftsleute und die Einheimischen, die da sind, und konzentrieren uns auf das, was wir gut können: gute Gastgeber sein und schicke Räder herstellen.“ Die beiden Söhne haben auch große Lust, ins Unternehmen einzusteigen. Sohn Anton kann sich vorstellen, eigenes Gemüse in Gewächshäusern auf dem Cokturhof anzubauen. Es besteht also wirklich keine Gefahr, dass dem Weltrad-Team die Ideen ausgehen.

Fotograf: Michael Palatini

FRANZISKA

“Wieso nicht gleich das ganze Paket buchen? Rad kaufen, übernachten, essen gehen und dann entlang der Elbe nach Hause radeln (oder nur bis zum nächsten Bahnhof radeln und dann in den Zug steigen).”

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