Wo Menschen und Biber wieder zuhause sind
 – das Flussbad am Dessauer Rehsumpf

8. Juli 2022
Ein Artikel von: Monika Kaiser

DAS FLUSSBAD AM DESSAUER REHSUMPF

Auf der Schnellstraße aus östlicher Richtung nach Dessau fahrend, sieht man sie von Weitem im Grün der Muldeaue rechts aufblitzen, die weißen Holzhäuschen der Flussbadeanstalt Rehsumpf. Wegen der Hochwassergefahr stehen sie seit den 30er Jahren auf Stelzen, kleine weiße Häuschen in einer langen Reihung. Ihr Anblick machte mich im Vorbeifahren immer wieder neugierig. Ich fragte mich, ob ich vielleicht eine der urigen Hütten dort mieten könnte, um eine Nacht inmitten urwüchsiger Natur verbringen zu können. Handelt es sich bei diesen schönen Holzhäuschen auf Stelzen etwa um eine Art besonderes Hostel für Radfahrer*innen, die im Gartenreich Dessau-Wörlitz unterwegs sind?

So ganz abwegig sind meine Gedanken nicht, stelle ich im Gespräch mit dem neuen Vorsitzenden des Rehsumpf e.V. fest, der mich an diesem Morgen auf dem Vereinsgelände empfängt. Dirk Vorwerk erzählt mir, dass Vereinsmitglieder des Rehsumpf e.V., den es seit 2016 gibt, eine der etwa 80 Hütten mieten können, um sie für sich als Erholungs- und Freizeitoase im Grünen herzurichten – ein tolles Angebot, wie ich finde. Zur Vereinsgründung kam es nach dem Hochwasser des Jahres 2013, das der 1907 erbauten Flussbadeanstalt so heftig zugesetzt hatte, dass sie abgerissen werden sollte. Doch damit wollten sich einige Dessauer*innen nicht abfinden, stoppten den Abriss und nutzten die dafür bereitgestellten Gelder, um dieses traditionsreiche Flussbad, eines der wenigen, die es in Deutschland heute noch gibt, zu retten. Der Verein haucht seither dem Rehsumpf wieder neues Leben ein und macht dieses einzigartige, an einem Seitenarm der Mulde gelegene Gelände Stück für Stück wieder erlebbar.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts schuf man diese Flussbadeanstalt als Freizeiteinrichtung für die von der harten und schmutzigen Industriearbeit gebeutelten Städter. Sie sollten ihrem Körper etwas Gutes tun, ihn ertüchtigen und im Freien mit mehr Licht, Luft und Sonne verwöhnen, um gesund zu bleiben. Daran beteiligt war auch der legendäre Dessauer Unternehmer und Erfinder Hugo Junkers, der ein begeisterter Anhänger der Lebensreformbewegung und Vereinsmitglied des 1904 gegründeten Dessauer Schwimmclubs war. Er betrieb regelmäßig Frühsport auf dem Gelände des Rehsumpfs und unterhielt dort sein eigenes, frei stehendes Häuschen, das er sogar für Experimente mit solarthermischer Warmwassererzeugung nutzte. In Badehose nahm er hier sogar Termine mit Geschäftspartnern wahr.

KONTAKT

VEREIN REHSUMPF e.V.
Dirk Vorwerk (Vereinsvorsitzender)
Wasserstadt 20
06844 Dessau-Roßlau

Tel.: 0177 49 23 033
Email: rehsumpf@gmx.de
Web

 

 

 

 

Der Rehsumpf war als Flussbadeanstalt ideal gelegen, denn hier bildet ein Seitenarm der Jonitzer Mulde eine Schleife, die das Gelände wie eine Halbinsel umfließt, sodass ein Rundum-Baden von allen Seiten des Grundstücks aus möglich war. Heute ist es in Bezug auf das Schwimmen ruhiger geworden. An der Stelle der einst feststehenden Steganlage befindet sich nun eine kleine Pontonplattform. Stattdessen dreht ein Biber genüsslich seine Runden im ruhigen und sauberen Gewässer der Mulde.

Auch zu DDR-Zeiten war das Flussbad beliebt und wurde vielfältig genutzt. Die zunehmende Verschmutzung des Flusses war dem Schwimmsport allerdings abträglich, doch nach dem Rückbau der chemischen Industrie im Raum Bitterfeld und den damit verbundenen Abwässern erholte sich die Mulde mit der Zeit und ist heute sauberer denn je.

Der noch junge Verein hat schon viel Aufbauarbeit geleistet: nicht denkmalgeschützte Gebäude auf dem Gelände wurden weggenommen. Der sogenannte „Schweinekasten“, eine Art „Laufstall“, in dem Nichtschwimmer im Fluss direkt schwimmen lernen konnten, wurde restauriert und ist wieder zu sehen. Von den größeren und kleineren Badekabinen sind bereits etliche vermietet und werden von ihren Pächter*innen in liebevoller Kleinarbeit wieder hergerichtet und individuell gestaltet, sodass dem Freizeitleben inmitten der Natur wieder gefrönt werden kann. Einige Kabinen sind noch zu mieten und zu renovieren. Der Verein freut sich auf aktive Mitglieder, die das Projekt weiter mit aufbauen und beleben wollen. Die Idee, in nachbarschaftlicher Gemeinschaft die freie Natur achtsam zu genießen und sich dabei auf das vielstimmige Vogelgezwitscher einzulassen, sollte gerade heute wieder auf fruchtbaren Boden fallen.

Für Besucher*innen öffnet der Verein das Gelände einstweilen nur sporadisch, zu besonderen Anlässen, wie dem Tag des offenen Denkmals, oder auch an Wochenenden, wenn genügend Mitglieder vor Ort sind. Dann wird durstigen Radlern auf Wunsch ein kühles Getränk serviert, und an der Badekultur Interessierte erfahren auf einer kleinen Führung viel Wissenswertes über die Geschichte des Flussbades. In Kürze wird eine Lesekabine mit einer kleinen Tauschbibliothek eingeweiht, und noch in diesem Jahr sollen Gäste ein Picknick im Badehaus von Hugo Junkers genießen können.

Auf Nachfrage macht der Verein es gerne möglich, das Gelände zu besuchen. Daher, ruhig mal anrufen und nachfragen – denn je mehr engagierte Menschen diesen geschichtsträchtigen Naturerlebnisort wieder wertschätzen und mitbeleben wollen, umso besser für den Rehsumpf.

MONIKA

„Im Rehsumpf kommt man wirklich runter von Hektik und Stress. Eine wahrhaft grüne Aue, wie sie früher so oft besungen worden ist, einfach traumhaft.“

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