CHAMBRES D’HÔTES – URLAUB ZU HAUSE BEI HERZLICHEN MENSCHEN

15. Oktober 2020

SONNENHAUS – HAVELBERG

Die Luft duftet süß, Vögel zwitschern und die Glocken der Stadtkirche St. Laurentius läuten hinter meinem Rücken, als ich das hölzerne Tor zum Garten des Sonnenhauses in Havelberg öffne. Vorbei am Apfelbaum, der den wunderbaren Geruch verströmt, steige ich die schweren steinernen Stufen bis zur restaurierten Eingangstür des Hauses hinauf. Ich möchte Barbara und ihre Familie besuchen, die hier mitten auf der Stadtinsel ein ganz besonderes Gästehaus eröffnet haben.

“Es war immer unser Traum, Menschen bei uns zu Hause willkommen zu heißen.”

Ich betätige fasziniert die Zugstange der alten Türglocke, die schon erahnen lässt, mit wie viel Liebe hier einem alten Haus neues Leben eingehaucht wurde. Und da steht sie, Barbara, Mutter von drei Kindern, die Frau von Florian, der im Haus auch sein Architekturbüro hat, Journalistin und seit kurzem Gastgeberin. Sie bittet mich durch den offenen Eingangsbereich mit feinem Steinfußboden, in einen großen Raum mit einem schweren, langen Tisch gedeckt mit Kaffee, Tee und frischem Apfelkuchen. Sie erzählt mir, wie sie aus Sachsen über die Schweiz hier in den äußeren Zipfel der Altmark kam, um hier den Traum zu verwirklichen, der sie und ihren Mann lange nicht losgelassen hat.

Aber von vorn. Barbara wird im Erzgebirge groß, genauer gesagt, hinter dem Tresen der Kneipe des großen Bruders. Schon damals träumt sie davon, später auch einmal Gastgeberin zu sein. Nach dem Abitur studiert sie erst einmal und reist viel. Längere Zeit lebt sie in Frankreich, erkundet das Land und übernachtet immer wieder in sogenannten Chambres d’hôtes. In dieser Art Gästezimmer ist man zuhause bei Menschen, teilt manchmal auch den Tisch und isst gemeinsam. “Wir sind immer mit einem so guten Gefühl dort abgereist. Seitdem wusste ich, dass ich so etwas selbst machen möchte”, sagt sie, und ihr Traum vom eigenen Gästehaus war geboren. Beide beginnen zu arbeiten – er als Architekt, sie als Journalistin, erst in Deutschland, dann in der Schweiz. Und der Traum blieb.

“Wo nichts ist, kann viel werden.”

“Wir haben lange Zeit an der Elbe nach einem Haus gesucht. Doch schnell war klar, dass es Havelberg werden soll.” Hier sind die Schwiegereltern in der Nähe. Man ist schnell in Berlin oder auch mal in Hamburg. “Hier kann man gebraucht werden”, stellen sie fest. 2013 entdeckten sie das große Fachwerkhaus, als sie zickzackartig alle Straßen auf der Stadtinsel abgingen, auf der Suche nach einem Zettel, der sagt, dass ein Haus zu verkaufen ist. “Als wir es entdeckt haben, stand es leer und sah aus, als ob es keiner lieb hat.” Aber zu haben war es zu der Zeit nicht. Trotzdem ging es ihr nicht aus dem Kopf. Irgendwann saß sie, den Laptop auf den Knien, in Zürich auf der Couch und schrie durch die Wohnung: “Das gibt’s ja nicht! Da ist es!” Sie hatte genau dieses Haus auf einem Immobilienportal entdeckt. Und weil sie sich, zu der Zeit schwanger, die Fahrt nicht zumuten wollte, fuhr Florian allein und sah es sich an. Und so kauften sie, zumindest von Barbara fast ungesehen, ein altes baufälliges Haus. “Manchmal darf man einfach nicht zu lange überlegen. Man muss einfach machen.”


LAGE/KONTAKT

Kirchplatz 4
39539 Havelberg

Tel.: 0176. 222 77 307

Das meiste, was damals nach der ersten Besichtigung geplant wurde, ist heute genau so. Manches Bauteil begegnete ihnen während der Sanierung andernorts und sie integrierten es, zum Beispiel die rund 100 Jahre alte Tür, die heute das Esszimmer von der Küche trennt. Florian hat sie eigenhändig aus einem Gebäude gerettet, das abgerissen wurde. Überhaupt ist das ganze Haus ökologisch und nachhaltig saniert. “Den Lehm, der hier vor 300 Jahren verbaut wurde und jetzt bröselig war, haben wir klein gestampft, eingesumpft und wieder an die Wand gebracht.” Hier im Haus findet man weder Bauschaum noch Trockenbauplatten. Alles, was beim Ausbau verwendet wurde, kann in den Stoffkreislauf zurückgeführt werden, wenn es nicht mehr gebraucht werden sollte. Vieles hat Florian selbst gemacht. Manches, wie die Fenster und Türen, kommt aus Dänemark. Einiges davon neu und gefertigt extra für das Haus, vieles gebraucht und aufgearbeitet, aber immer mit schönen Beschlägen und Griffen versehen. Selbst der Fensterkitt passt zum Haus und den Räumen.

“Vorne im Sonnenhaus sind die Räume, die wir mit den Gästen teilen. Im hinteren Bereich liegen unsere privaten Räume. Und oben sind die Gäste-Schlafräume.” Durch den Eingangsbereich mit Natursteinfußboden gehen wir die schmale Treppe zu den Zimmern hoch. Zwei Doppel- und zwei Einzelzimmer können die Gäste seit August 2019 beziehen – jedes natürlich mit eigenem Bad. “Uns war immer wichtig, dass wir unser Zuhause teilen, aber trotzdem jeder seinen eigenen Bereich hat.”

An dem “Begegnungstisch”, wie sie den alten auf über fünf Meter ausziehbaren Tisch nennt, serviert sie am Morgen auch ihr selbst gebackenes Bananenbrot und den Rest des eigens zubereiteten biologisch/regionalen Frühstücks. Und da kommt es dann nicht selten vor, dass mindestens eines der drei Kinder neugierig durch die verglaste Tür ins Speisezimmer späht. “Unsere Töchter werden ja mit den Gästen groß. Und unsere große Tochter liebt es, den Fahrrad-Urlaubern direkt die Garage im Hof zu zeigen.” 

Wovon sie träumt, frage ich Barbara.  “Toll wäre es, wenn sich irgendwann Menschen aus unterschiedlichsten Nationen hier am Tisch treffen. Ich koche etwas zum Abend und man isst und trinkt gemeinsam und erzählt über Gott und die Welt.” Und während sie das sagt, stelle ich mir das Lachen und die Gespräche vor und den Duft des Essens und wünsche mir, hier ganz bald auch einmal Gast zu sein.

MELI

Barbara ist eine der Autorinnen der Buchreihe “In the Middel of Nüscht.”
Ein absoluter Lesetipp über die Altmark.

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