Natürlich, herzlich, fair – der Conceptstore von Betsy Peymann

15. Juli 2020

BETSY PEYMANN

Auf dem Breiten Weg in Magdeburg, einst eine der prächtigsten Straßen Europas, reihen sich Filialen von Modeketten, Drogerien und leerstehende Geschäfte aneinander. Mittendrin hat Betsy Peymann vor einem Jahr eine kleine Oase der Nachhaltigkeit geschaffen.

Vor dem Geschäft laden kleine Bistrotische zum Verweilen ein. Hinter liebevoll illustrierten Schaufenstern sitzen Leute mit einem frisch aufgebrühten Kaffee am Laptop und arbeiten. In den Ablagen der Fenster stehen wunderschöne Taschen neben Papeterie und angesagten Sneakern. Eine spannende Mischung, finde ich, und bin total auf das Konzept und die Idee dahinter gespannt.

„Ich möchte, dass die Menschen verstehen, dass nur jeder selbst etwas ändern kann. Und das bezieht sich hier auf die Stadt genauso wie auf die Mode.“

„Am Anfang hätte ich das nicht gedacht, aber ich habe Magdeburg total lieben gelernt. Hier hast du noch Möglichkeiten mitzugestalten.”

In der Tür kommt mir Edda, die kleine Hündin von Betsy, entgegen und begrüßt mich freudig.

Betsy selbst ist gerade noch dabei, zwei Kundinnen zu beraten. Ich schaue mich um und stelle fest, dass man sofort in einer anderen Welt ist. Irgendwie hat man das Gefühl, man stöbert durch Betsys Wohnzimmer. Der Lärm der Straße, die Menschen und das Gewusel draußen sind ausgeblendet. Vielleicht sind es die Farben des Raumes, das Holz, die leise Musik. Vielleicht ist es aber auch der große grüne Sessel und der Duft nach Kaffee, und natürlich die kleine Edda, die mir um die Beine streift, während ich mir die neusten Kollektionen von Armedangels, Jan’n June und Ecoalf ansehe.

Betsy ist gerade 27, als sie das erste Mal die Türen ihres eigenen Ladens aufschließt. „Ich wollte immer etwas mit Mode machen”, sagt sie und erzählt, wie sie mit ihren beiden Schwestern auf dem Land bei Celle zwischen Pferden und Hühnern aufgewachsen ist – immer mitten in der Natur. “Nicht mal einen Kaufmannsladen gab es bei uns im Ort.”

„Also träumt sie von der Modewelt, von großen Marken und kreativen Ideen. Nach der Schule macht sie eine Ausbildung zur Mode- und Designassistentin in Hannover. “In der Ausbildung haben wir genäht, haben alles über Gewebe und Stoffe gelernt, Designs entworfen und Herstellungstechnologien kennengelernt.” Zum Praktikum, das sie während der Ausbildung absolvieren musste, geht sie nach Hamburg zu einer renommierten, bekannten Modemarke. Und sie kommt schnell zu der Erkenntnis: “Wenn das die Modewelt ist, dann finde ich das doof. So möchte ich das nicht.” Hier zeigt sich, dass die Modewelt eine Welt ohne Werte sein kann – umsatzgetrieben, hierarchisch, rücksichtslos.

Enttäuscht und doch mit dem Traum, irgendwann einmal ein eigenes Label zu gründen, entscheidet sie sich für ein Wirtschaftsstudium – in Magdeburg, nicht zu weit weg von zu Hause. Während des Studiums setzt sie sich immer mehr mit der fairen und nachhaltigen Modeindustrie auseinander und schreibt letztendlich ihre Masterarbeit darüber. Nach Praktika bei fairen Modelabels stand sie dann vor der Entscheidung – hier bleiben oder weggehen.

ÖFFNUNGSZEITEN

Montag – Samstag 10.00 – 19.00 Uhr


LAGE/KONTAKT

Breiter Weg 175
39104 Magdeburg
Tel. 0391 598 418 97

Also blieb sie und von Beginn an war klar: “Wenn ich hierbleibe, möchte ich mir hier etwas schaffen, was mich glücklich macht.” Was lag also näher, als sich den Traum vom eigenen Laden für nachhaltige und faire Kleidung für Frauen und Männer zu erfüllen – Mode eben, aber anders. Dass das Geschäft mitten in der Innenstadt liegt, den Breiten Weg aufwertet und auch wieder für ein neues Publikum öffnet, ist kein Zufall. ”Für mich gab es keine andere Option. Ich möchte mit meinem Laden meinen Beitrag zur Gestaltung der Innenstadt leisten. Ich möchte den Leuten zeigen, wie toll es hier ist.” Mit ihrer Leidenschaft hat sie längst auch andere begeistert und ist nicht zufällig Botschafterin für Magdeburgs Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025.

Sie hält Vorträge über Nachhaltigkeit und faire Bedingungen in der Modeindustrie, lädt zu Infoveranstaltungen in ihren Laden ein. Wobei ihr ganz wichtig ist, dass Nachhaltigkeit schon beim Konsumverhalten anfängt. “Ich möchte, dass unsere Kunden hier im Laden vom Produkt überzeugt sind und es sich deshalb kaufen. Wenn jemand unsicher ist, dann raten wir davon ab. Das führt nur zu Fehlkäufen.” Betsy schickt auch mal Kunden ins nahegelegene “Zweimalschön” – einen Secondhandladen – wenn diese bestimmte Sachen suchen. Auch das ist nachhaltig.

Aber heißt öko-faire Mode immer, dass sie aus Biomaterialien produziert wird? “Nein”, meint Betsy, “denn ökologisch können auch recycelte Materialien sein.” Und zeigt mir die schöne Kollektion von Jan’n June, die aus recycelten Kunststoffen gefertigt wird. Dann gibt es auch Unterschiede bei den Bio-Materialien. “Tencel zum Beispiel ist viel umweltfreundlicher als Baumwolle. Beim Anbau der Pflanzen wird viel weniger Wasser verbraucht.” Außerdem trägt Tencel sich wunderbar auf der Haut – kühlt im Sommer und wärmt im Winter. Die Veja-Turnschuhe, die es in unterschiedlichen Ausführungen für Männer und Frauen gibt, sind aus Naturkautschuk und Bio-Baumwolle gefertigt, das Leder wird pflanzlich gegerbt. Genauso wie die tollen Taschen von O my bag aus Amsterdam, deren Duft nach Leder mich an meine erste Schultasche erinnert.

So könnte Betsy mir immer weiter von ihren Produkten im Laden vorschwärmen, aber eine Kundin braucht ihre Beratung. Und weil es so gemütlich hier ist, packe ich einfach meinen Laptop aus, suche mir einen Platz am Fenster und fange an, meine Eindrücke aufzuschreiben – natürlich mit einem feinen Kaffee dazu.

MELI

Ich liebe es einfach bei Betsy zu stöbern, Sachen zu probieren, einen Kaffee zu trinken und nebenbei einen Plausch zu halten

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