WOHNZIMMER-RESTAURANT Tisch 12 – Fleetmark

25. November 2021

Ein Artikel von: MARIA ANNA SCHWARZBERG

TISCH 12 – FLEETMARK

Ein Restaurant im Wohnzimmer? Wo gibt’s denn sowas? In Fleetmark in einer Einfamilienhaussiedlung am Wald. Der Weg dorthin führt durch kleine Dörfer, an Feldern und Wäldern und – je nachdem aus welcher Richtung Sachsen-Anhalts man kommt – auch an einer Windmühle vorbei. Als wir in die angegebene Straße einbiegen, sind wir noch unsicher, ob wir hier wirklich richtig sind, aber dann sehen wir das Tisch 12-Schild in der Einfahrt stehen. Gerade eingeparkt werden wir schon von Lydia begrüßt, die uns mit ins Haus nimmt. „Die Jacken können Sie hier anhängen.“, sagt sie und auch, dass wir die Schuhe anlassen sollen. Wir sind noch ein wenig verunsichert: Sind wir jetzt bei Christian Krüger Zuhause? Oder in seinem Restaurant?

„10.000 ‚Altmärker-Äpfel‘ haben wir hier in den Küchen im Anbau hergestellt und nach Shanghai transportieren lassen. Von dort gingen die Äpfel in die ganze Welt.“

„Es war schon toll, an Silvester in Dubai zu sitzen und mein eigenes Dessert zu essen.“

Vom Flur aus betreten wir gleich die Küche – eine ganz normale Familienküche. Aber zurück zur Küche und zu Christian, der uns in Kochjacke mit eigenem Emblem begrüßt. Professionell sieht er aus und konzentriert. Er hat sein Hobby mit einer Kochausbildung bei Johann Lafer zum Beruf gemacht und danach in dessen Klub weiter gekocht. Seine Begegnungen mit den Sterneköchen der Welt zieren die Wohnzimmerwände. Ansonsten sieht es auch hier ganz normal aus: Ein großes Sofa, über den Smart-TV läuft die Playlist für den Abend. In der Essecke steht ein Tisch – mit eben 12 Plätzen. Die Wohnebene ist offen gestaltet, gemütlich. „Wo ist denn eigentlich deine Familie?“, frage ich. „Oben, die machen an solchen Abenden ihr Ding.“

„Und, wie ist das für dich, Fremde in deinem Haus als Gäste zu begrüßen?“, will ich wissen. „Ich fühle mich damit super, es sind eher die anderen, die zuerst noch Berührungsängste haben und nicht wissen, ob sie jetzt die Schuhe ausziehen sollen. [Ich nicke.] Oder unsicher sind, was sie erwartet.“ Das verstehe ich, auch wenn das Konzept von Christians Wohnzimmer-Restaurant eigentlich leicht erklärt ist: Christian wurde Koch, wollte aber seine Ideen nicht gleich mit dem hohem Geldeinsatz für ein eigenes Restaurant testen. Also nutzte er das heimische Wohnzimmer, ein bisschen wie die ländliche Variante eines PopUp-Restaurants. Nach sechs Jahren möchte er aber den Schritt wagen und ist aktuell auf der Suche nach einem Objekt in Salzwedel.

KONTAKT

Tisch 12
Försterweg 3
Arendsee (Altmark) OT Fleetmark

Tel: 039034/ 944 951
Fax: 039034/ 944 953

ÖFFNUNGSZEITEN

Fragen und Reservierungen:

Mo – So: 7 – 18 Uhr

www.tisch-12.de
instagram

tisch-12@web.de

Wer also das besondere Gefühl des Wohnzimmer-Restaurants erfahren möchte, sollte sich nicht zu viel Zeit lassen. Das kribbelige Gefühl, sich auf etwas ganz Neues und Unbekanntes einzulassen, verfliegt laut Christian im Laufe des Abends, wenn man die anderen Gäste erst einmal kennen gelernt hat und sich in der Gemütlichkeit des Wohnzimmers befindet. Wir nehmen auch Platz, sitzen heute mit den Klötzer Elfen zum vierteljährlich wechselnden Fünf-Gänge-Dinner zusammen. Nachdem wir die Getränkefragen (Riesling) geklärt haben, reicht Lydia uns selbst gebackenes Brot. „Das ist wie früher, ein gutes, bodenständiges Brot mit einer anständigen Kruste. Dazu gibt es frisch aufgeschlagene Butter und verschiedene Salze.“, erklärt Christian und verschwindet wieder in der Küche. Während wir Sesam-Algen-Salz, Hibiskus-Salz und Kurkuma-Salz auf unsere Brote streuen, hören wir ihn manchmal in der Küche. Aber am Tisch ist es auch nicht leise. „Wer seid ihr? Was macht ihr?“ Schnell sind wir mit allen im Gespräch. „Ihr dürft gern’ jederzeit Fragen stellen und in der Küche vorbei kommen!“, ruft Christian und zwischen den Gängen werden wir immer wieder zu Pottkiekern. Christian beantwortet Fragen, führt Kniffe und Tricks vor und arbeitet dabei fokussiert am Menü.

Auf der Tafel steht für den ersten Gang „Karotte / Wasabi / grüner Reis“. „Ich möchte, dass die Gäste sich erst ihre eigenen Gedanken machen, was sie sich darunter vorstellen. Sie denken zum Beispiel beim Wasabi an Schärfe, aber meiner ist gar nicht scharf. Ich mag das, bei den geschmacklichen Erwartungen zu überraschen.“, sagt Christian. Und das tut er. Die Möhre ist mit einem 8er-Bohrer durchbohrt und gefüllt. Der Reis ist gepufft, die Sauce nicht grün, sondern rot. Eine milde Chili-Sauce, geschmackvoll und weich, nicht matschig und klebrig wie beim Asia ums Eck. „Gurke / Lauch“ als zweiter Gang entpuppt sich als grünes Ensemble einer kalten Gurkensuppe, in der Gurken-Eis, Gurken-Kaviar, Gurken-Röllchen und flambierter Lauch baden. Ich kann euch sagen: Gurken-Eis ist ein Hit! Mit frischen Zutaten und Raffinesse begeistert Christian uns mit jedem Gang mehr.

Lydia ist zuvorkommend und freundlich, sie bietet einen unaufdringlichen Service. Die Runde um mich herum fühlt sich insgesamt vertraut an, obwohl wir uns erst seit diesem Abend kennen. Ich fühle mich sehr gut aufgehoben und bin gespannt, was sich hinter „Kabeljau / Kürbis /Kräuterseitling“ als dritten Gang verbirgt. Die dicke Kürbissuppe, die gebratenen Pilze und der Fisch passen fantastisch in den Herbst und Christians Menü. Genau wie „Roastbeef / Gemüse / Kartoffel“. Wir wollen wissen, wie er das Roastbeef so gut hinbekommen hat. Christian holt den Thermomix hervor. „Damit.“ Es entbrennt eine Diskussion über die Wichtigkeit eines Thermomix in der Küche. „Bestellformulare liegen am Ausgang.“, sagt der Gastgeber lachend.

„Christian, ich habe schon so viel von deinem ‚Altmärker Apfel‘ gehört.“, sagt ein Gast. „Ich freue mich, den heute endlich probieren zu können.“ Der ‚Altmärker Apfel‘ und mittlerweile auch die Birne und die Mandarine sind Desserts, die wie richtiges Obst aussehen, aber aus Puddingmousse gefertigt sind. Ich erwarte eine harte Schale als ich den Apfel anstupse, aber meine Gabel versinkt in der Vanillemasse. Die Äpfel sind übrigens auch schon an Silvester auf allen Schiffen der Tui-Flotte als Dessert gereicht worden. „10.000 Äpfel haben wir hier in den Küchen im Anbau hergestellt und nach Shanghai transportieren lassen. Von dort gingen die Äpfel in die ganze Welt.“, erzählt Christian. „Es war schon toll, an Silvester in Dubai zu sitzen und mein eigenes Dessert zu essen.“ Wir schließen den Abend mit Obstler oder Likör. Danach nimmt sich auch Christian einen Stuhl und setzt sich zu uns. Mir wird die heimelige Wohnzimmeratmospähre wieder bewusst. Und trotzdem bin ich eben auch in einem erstklassigen Restaurant.

Fotograf: Michael Palatini

MARIA ANNA

„Ein Geheimtipp, wie wir ihn uns nicht besser hätten ausdenken können.“

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